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14.09.2016

Die Kinder aus dem Pfarrgarten von Adelberg

Von: von Margarete Müller

(Erinnerungen aus der Kinderzeit)

Nach vielen, vielen Jahren sitze ich wieder einmal in der Staufenlaube. Die Staufenlaube ist das schönste Gartenhäuschen, das ich kenne, Auf einem kleinen Hügel liegt sie und lugt über die alte Klostermauer weg ins Freie. Man hat einen wundervollen Blick von hier aus: Vor sich weite, wogende Kornfelder, dahinter, sanft ansteigend den Wald, über dem Wald das liebliche Dörflein Börtingen mit seinem spitzen Kirchturm und in feinem blauen Dunst den alten Kaiserberg Hohenstaufen, den Rechberg und den Stuifen. Rechts atmen die dunklen, tiefen Wälder des Schurwalds, und ganz fern zieht sich als zarte blaue Linie die Alb hin. Links aber ruht der Blick auf saftigen, dicht mit Obstbäumen bepflanzten Wiesenhängen. Und über dem allem, die so ganz den Höhen des Schurwalds eigene flimmrige Sommerluft. Eine Duftwelle von Thymian kommt von den Wiesen und Feldern her. Die Wiesenraine blühen voll Thymian. Wie oft haben wir als Kinder diese kleinen, herrlich duftenden blaulila Kräutlein gesammelt, damit die Stadttante dem lahmen, blassen Elsbethle aus Stuttgart stärkende Bäder machen konnte.

Ach, Kindheit, wie schön warst du! Da ist noch der alte Nussbaum an der Klostermauer. Noch immer legt er seine herrlichen Äste schirmend über sie, als wolle er sie vor dem Einfallen schützen. Ob man wohl noch hinaufklettern kann und in seinen dichten Zweigen vorborgen sitzen und träumen? Oh so schön weit weg vom Haus ist man. Keine rufende Stimme erreicht einen in dem grünen Versteck. Da in dem alten Nussbaum hab ich L.Pichlers Staufengeschichten gelesen und alles um mich her vergessen. Ganz gefangen von all der Pracht und Herrlichkeit und den großen Schicksalen jener Tage. Da von dem alten Kaiserberg sah ich sie nieder reiten – stolz wehen die Wimpel auf der Burg – den alten Barbarossa und Philipp von Schwaben, die wunderholde Kaiserin Irene und den blauäugigen, blonden Konradin, dessen trauriges Ende ich schmerzlich beweinte. Ja, die Staufenlaube steckt auch heute noch voll von Träumen. Und der alte Nussbaum hat sie durch sein Rauschen geweckt. Sie kommen und nehmen mich an der Hand und führen mich zurück den weiten Weg ins Kinderland. Und auf einmal steh ich mitten drin und die Sonne liegt auf dem Weg und lacht.

Was ist das? Kinderfüße jagen durch den Garten, barfüßigen Kinderfüße. Voran der schwarze Otto und hintereinander die ganze Bande: der Tübinger Max und die dicke Els, die Gret und das Schweizerle, das Bobberle und zuletzt als Schwänzle noch das Gewackele. Das sind die Kinder des Pfarrgartens. Sie gehören nicht alle in das Pfarrhaus. Das Schweizerle ist ein Nachbarsbub. Und der Otto und der Max und die dicke Els sind nur auf Besuch da; aber das ist jeden Sommer so und sie gehören so gut in den Pfarrgarten wie die Gret, das Bobberle und das Gelewackele.

Gibt es ein schöneres Kinderparadies als den Pfarrgarten in Adelberg? Er ist so groß, dass man nicht von einem Ende zum andern sehen, ja, dass man kaum das Rufen der Großen hören kann! Und alles, alles ist darin was ein Kinderherz erfreut. Von den Erdbeeren bis zu den Träuble, von den Kirschen bis zu den spätesten Zwetschgen. Äpfel, Birnen und Nüsse, ja, sogar Trauben reifen an der Kamerz der warmen Klostermauer. Und einen krummen Baum gibt es, den die ganze Gesellschaft besteigen kann. Und jedes hat einen Stammsitz in seinen Zweigen, sogar das kleine Gelewackele, dessen Sesselein die Buben in den untersten Zweigen festgebunden haben.

Und Wiesen sind im Garten, wundervolle Wiesen, auf denen man sich tollen und purzeln darf, Rad schlagen und Zirkus machen, was man nur will. Aber jetzt eben sind sie verboten. Die Heublumen blühen und das Gras steht hoch; so hoch, dass die Kinder kaum darüber hinaussehen können. Aber aller Sehnsucht ist, einmal da hinein in den Blumenwald schleichen zu dürfen. Und hinten an der Klostermauer wachsen die allerschönsten "Gugelgäuch", von denen der Schweizerle zu erzählen weiß, dass einem das Wasser im Mund zusammenläuft. Gerade recht seien sie jetzt, noch nicht ganz offen, und keinen Tag länger dürfe man warten. Und schwarze Gugelgäuch gebe es dort, die man ausschlecken könne und das sei wie Schoklad. Und die Kinder stehen vor der wogenden, blühenden Wiese und hinten an der Mauer locken die schwarzen Gugelgäuch. Der Tübinger Max schlägt vor: "Wir steigen einfach über die

Mauer. "Aber die andern schreien vor Entsetzen. Denn sie wissen es ganz genau vom alten Braun, dass in den grauen Löchern der Mauer Schlangennester seien. Der Braun hat eine Schlange dort gefangen und sie tus gemacht. Aber der schwarze Otto weiß Rat. Er hat im Lederstrumpf von den Prärien gelesen und wie die Indianer da durchschleichen, einer immer in den Fußstapfen des anderen. Und dass nachher kein Mensch ihre Wegspur mehr finde. Und die Prärien, das seien auch so Wiesen, erklärt er und er will es einmal probieren. Und vorsichtig schiebt er seine dünnen Bubenbeine zwischen Gras und Blumen und schleicht ein Stück hinein. Oh herrlich, man sieht’s kaum! Alle sagen es. Ein paar Grashalme sind wohl umgelegt; aber die stehen sicher wieder auf. Und alle schleichen dem Otto nach, vorsichtig eines in den Fußstapfen des anderen. Die Mädchen nehmen ihre Röckchen fest an sich, dass bald das eine, bald das andre das Gleichgewicht verliert und einen Sprung seitwärts machen muss. Nur still, dass es niemand hört! Macht nichts, das Gras wird schon wieder aufstehen. Und hurra, da sind die Gugelgäuch! Das ist ein Schmatzen und Schmausen. Nichts Besseres auf der Welt als Gugelgäuch! Unten am Stengel muss man anfangen und ohne abzusetzen das Ganze nacheinander hineinraspeln bis zum Kopf, sonst ist es kein Genuss. Den Kopf schmeißt man weg, wenn’s kein schwarzer ist. Die schwarzen, das sind die feinsten, aber die sind selten. Ja, der Schweizerle hat recht, genau wie Schoklad schmecken die.

Aber auf einmal steht wie aus der Erde gewachsen der Vater da. "Wartet, ihr Racker, ich will euch die Wiese verwaten." Und schon hat er den schwarzen Otto am Kragen. Was hilft’s: "Oh, Papa! ", "Ach Onkel, wir haben ja die Wiese gar nicht gewatet, bloß den Indianergang gemacht! " Was hilft es! "Ich will euch, Indianergang" – und schon sitzen ein paar Saftige auf dem Hosenboden des schwarzen Otto. "Und nun marsch zurück im Indianergang und dass mir keins neben hinein tritt! " Der Max und das Schweizerle kriegen auch noch ihr Teil im Vorbeigehen, die Mädchen kommen mit einem Verweis davon. Und so schnell als möglich enteilt die Gesellschaft. Das Gelewackele wird am Ärmle nachgezogen. Und draußen auf dem Gartenweg geht’s im Galopp davon. Das Wackele muss man "Sesselestragen", es wäre sonst nicht mitgekommen. Wohin? Auf den krummen Baum? Oh nein! Ganz fort aus dem Bereich der Großen. Man will dem Vater lieber nicht mehr begegnen. Fort! Ins Geisterstüble!

Gibt es sonst wo ein Pfarrhaus, das ein Geisterstüble hat? Ein regelrechtes Geisterstüble, wo es ganz schwarze Nacht drin ist und zu dem ein besonderes Steiglein hinaufführt?

In den unteren Räumlichkeiten des Pfarrhauses, das einst vor altersgrauer Zeit Abtei des Prämonstratenserklosters war, da gibt es alte Zellen und Kammer, in denen die Nachbarn Heu, Stroh und landwirtschaftliche Geräte untergebracht haben, dunkle Ecken und Winkel, in denen es nach Schutt und Moder und – Geistern riecht. Das ist das Geisterstüble. Laut sprechen darf man nicht darin, sonst weckt man die Geister. Der Otto, der kann etwas davon erzählen. Der ist einmal frech gewesen und hat sich groß gemacht, dass er sich nicht fürchte. Und ist ganz allein die Stiege hinaufgestiegen und ins Geisterstüble gegangen und zu dem kleinen Guckloch, das auf den dunklen Vorplatz führt, hat er seinen Kopf herausgestreckt und geprahlt, es sei ganz schön hier oben. Da hat eine unsichtbare Hand die Türe ins Schloss geworfen und der Otto war gefangen. Die andern und der Otto sind heiß erschrocken und haben verzweifelt versucht, sie wieder zu öffnen. Aber vergeblich. Der Otto konnte nur seinen Kopf wieder aus dem Loch herausstrecken und fürchterlich brüllen, sie ziehen ihn an den Beinen und sie wollen ihn umbringen. Es war schrecklich...

Fortsetzung folgt